Rainer Lewandowski
Die Tour

Altes Schauspielhaus Stuttgart
Premiere am 16. März 2007
Inszenierung und Ausstattung
: Andreas Geier

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Eduard Mörike
Mozart auf der Reise nach Prag

Ludwigsburger Schlossfestspiele
Premiere am 07. September 2006

Inszenierung und Bühne: Andreas Geier
Kostüme: Petra Kupfernagel

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Neil Simon
Sunny Boys

Komödie im Marquardt, Stuttgart
Premiere am 03. Juni 2006
Inszenierung:
Andreas Geier
Ausstattung: Gerrit Schulze-Uphoff

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Bernard Shaw
Pygmalion

Premiere am 16.09.2005

Komödie im Marquart Stuttgart
Inszenierung: Andreas Geier
Ausstattung: Gerrit Schulze Uphoff

"Programmhefte, Bonbole, Schoklad" Vier Silben, drei Silben, zwei Silben. Ein Countdown. Eine Verheißung. Dann hebt sich der Vorhang. Mit jener Prise Wahnwitz, auf die das Mundarttheater nicht verzichten kann, exportiert die Inszenierung den schweren schwäbischen Zungenschlag kurzerhand in das London der vorletzten Jahrhundertwende: in die Metropole des Empire, gezeichnet von Industrialisierung, Proletarisierung und Utilitarismus.

Geradezu lustvoll betreiben Regisseur Andreas Geier und sein Ausstatter Gerrit Schulze Uphoff die Unterwanderung englischer Kultur mit schwäbischer Seele: Ihren Schauspieler Andreas Klaue, der den Linguisten Henry Higgins als hemdsärmelig schwitzendes Muttersöhnchen gibt, haben sie neben die Queen und Prince Charles in Fotos montiert. Auch das arme Mädchen Eliza Doolittle (Bettina Schönenberg) kommt nicht etwa aus Londons Süden, sondern - "das arme Geschöpf!" - aus Esslingen-Berkheim. Vor allem aber: Elizas vierschrötiger Vater Alfred, ein "Müllkutscher", der seine Tochter für fünfzig Pfund verkauft, wird von Walter Schultheiß gespielt.

Aus dem Aufeinanderprall der Sprech- und Denkweisen resultiert die Komik des Stücks und auch der Inszenierung. Mit gutem Timing und sorgfältiger Choreografie gewinnt Andreas Geiers Regie der Vorlage eine ganze Menge ab. "Haben Sie überhaupt keine Moral?", herrscht der Sprachwissenschaftler Elizas Vater an. Empört wippt der Herr Professor in seinen Slippern. "Die ko i mr ned leischde", hält ihm der Müllmann entgegen. Hier duellieren sich zwei noch immer aktuelle Wahrnehmungen gesellschaftlicher Realität. Geiers Sympathie gilt erkennbar den Doolittles als Vertretern der Underdogs. Konsequent macht er die Unterschiede zwischen Ober- und Unterschicht, zwischen Reformern und Reformierten unkenntlich. Higgins ist ein lauwarmer Salonlöwe, fluchender Moralapostel und heimlicher Trinker, der mit seiner stocksteifen Haushälterin (Martina Auer) regelrechte Tänze um versteckte Spirituosen aufführt. Die Doolittles dagegen strotzen nur so vor Vitalität. Elizas impulsives Wesen, ihre rosigen Waden und ihre ungezügelte Ausdrucksweise werden von Higgins zynischem, nur vorgeblich menschenfreundlichem Projekt nahezu abgetötet. Richtig beruhigend ist da, dass Eliza den Relativsatz noch immer nicht richtig hinbekommt. Auch Elizas Vater, der durch Higgins unversehens zu Wohlstand kommt, ist ganz der Alte geblieben. Zwar tauscht er seine Montur gegen einen weißen Westerndress mit wehendem Mantel, perforierten Lederschuhen und einem Hosenlatz mit doppeltem Reißverschluss, doch auch als Man in White hat er sich den Pragmatismus der Straße bewahrt. Walter Schultheiß als Ganzkörper-Imitat von Johnny Cash zu sehen, ist im Grunde das Eintrittsgeld schon ganz alleine wert.

Wer will, kann in Geiers Regiearbeit eine Satire der Rechtschreibreform, eine Parabel gegen wissenschaftlich verordneten Reformdrang oder eine vitalistische Wissenschaftskritik im Geiste Friedrich Nietzsches sehen. Für letzteres spricht Geiers Bildsprache, wenn etwa in Higgins Studierzimmer Totenköpfe Kopfhörer tragen oder wenn Eliza sich gegen Higgins und gegen ihr Leben als Kunstfigur auflehnt, indem sie den Sprachwissenschaftler mit Tonbändern bewirft. Die Sprachkonserve, mit deren Hilfe Higgins Vokalfärbungen erforscht, kann das echte Leben nicht ersetzen. Dann geht Eliza, um einen Anderen zu heiraten. Higgins bleibt allein, mit seinen Bändern

Esslinger Zeitung, Eduard Haid

Der Marquardt'sche Pygmalion begnügt sich nicht allein mit der sprachlichen Transkription des Bühnen-Schlagers für den lokalen Theatermarkt, sondern geht einen Schritt weiter, lässt Shaws Blumenmädchen zur Bauchladenverkäuferin mutieren und verpflanzt die erste Szene folgerichtig vom Rande eines Marktplatzes mitten in den Zuschauerraum hinein: „Bonbons!, Programmhefte!“ Wer kann da schon widerstehen?
Theater zum Mitmachen, Theater zum Mitbieten. Das PONS-Wörterbuch-Sortiment - bis Mitte November noch ziert es Henry Higgins' Bibliothek - versteigert das Marquardt unter seinen Gästen, auf dass die grün-blauen Schmöker weiterhin nützliche Dienste erweisen können, nachdem das Stück abgespielt ist. Product placement im Theater, so geschickt wie plakativ. Dabei immerhin nicht so sinnlos, wie eine Schleichwerbung etwa mit einschlägigen Limonaden hätte ausfallen können.
Worin sich der Marquardt'sche Pygmalion allerdings hauptsächlich von anderen Inszenierungen und erst recht von der allzu romantischen Musicaladaption „My Fair Lady“ unterscheidet, das sind die Darsteller. Alle sieben überzeugen.
Ob schwäbisch oder hochdeutsch: Bettina Schönenberg trifft den richtigen Ton und ebenso die richtigen Zwischentöne, dort, wo zwar die Aussprache korrekt klingt, jedoch das nötige Vokabular zu einer echten Lady noch fehlt. Andreas Klaue gibt seinen Higgins zwischen rasend und verschnupft und beweist, dass ein Junggeselle und Tyrann jederzeit fluchen darf, vorausgesetzt er stammt aus gutem Hause. Joerg Adaes Oberst Pickering verkörpert Loyalität pur und den wahren Gentleman, nicht nur, was das Verstecken von Spirituosen vor einem Hausdrachen angeht. Besonders glänzen die Nebenfiguren in klarem Licht, führen mehr als ein Schattendasein abseits der Protagonisten. Wie ein Fräulein Rottenmeier aus dem SM-Studio fegt Ms. Pearce durch Higgins' Gemächer, doch Martina Auer zeigt durchaus den weichen Kern in diesem ältlichen Hausmädchen, eine Spur von weiblicher Solidarität mit der Gassengöre nämlich, eine ständeübergreifende Solidarität auch, wie Higgins' Mutter (Rose Kneissler) beweist. Und dann freilich, last but not least, Walter Schultheiß' Mordsauftritt als Müllmann Doolittle. Ein Allmachtsdackel von einem Moralapostel, der uns rhetorisch gewandt schier zu Tränen rührt, hat er sich doch tatsächlich zu entscheiden zwischen dem Armenhaus und einem Mercedes 300. Die arme Sau aber auch!, würde Eliza vermutlich ganz spontan tönen, wenn man sie dazu fragte.

Bietigheimer Zeitung, Patricia Fleischmann


Andreas Geier, der "Pygmalion" in der Marquardt-Komödie inszeniert hat, lässt Bettina Schönenberg, seine Eliza Doolittle, aus dem Ländle kommen. Sie ist eine schwäbelnde Bonbon- und Programmverkäuferin aus Esslingen-Berkheim. Ein Gag, der aber rasch verpufft, wenn man in Higgins" Wohnung (Ausstattung: Gerrit Schulze Uphoff) neben vielen Büchern auch Großbritanniens Queen von der Wand lächeln sieht.
Dann aber sind wir schon mittendrin in einer Love-Story, die hauptsächlich mit der Sprache Wellen schlägt und nur gelegentlich so handfeste Dinge wie Pantoffeln fliegen lässt. Es ist ein purer Krieg der Geschlechter: Ein Hagestolz ist an ein kratzbürstiges Girl geraten, das um seine Selbstachtung kämpft und dem er selbst die rhetorischen Waffen geliefert hat. Das Duell geht unentschieden aus, mit leichten Vorteilen für Bettina Schönenberg und das weibliche Geschlecht. Dem Higgins von Andreas Klaue bleibt da als Prämie nur die gewonnene Wette.
Gespielt wird dieser Shaw ohne Adel, aber auch ohne Tadel. Sogar Mrs. Higgins (ganz Dame: Rose Kneissler) ist nur eine besorgte Mutter, die mit den Unarten ihres Sohns vertraut ist und dem Chauvi immerfort die Leviten liest. Die dritte Frau auf der Bühne, Martina Auer, Higgins" etwas jung geratene Haushälterin Ms. Pearce, erinnert - mit Brille, Knoten und Knopfstiefeln ausgerüstet - kolossal an das Fräulein Rottenmeier aus Johanna Spyris "Heidi", das der armen Kleinen im Hause des Kaufmanns Sesemann so arg zusetzte. Thomas Harke, dessen Rolle als Freddy Eynsford Hill kürzer als dieser Name ist, hinterließ einen freundlichen Eindruck.
Bleiben die beiden großen Auftritte von Walter Schultheiß, der mit gewohnter Pfiffigkeit innerhalb kürzester Zeit vom Müllkutscher zum philosophierenden Mittelstands-Erben avanciert. Ihm vor allem ist es, neben Tochter Eliza, zu danken, dass ein Alfred Doolittle auch als Schwabe in London überlebt - zum Vergnügen des Publikums.

Stuttgarter Nachrichten, Otto Kuhn

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Ken Ludwig
Cyrano in Buffalo

Premiere am 17.09.2004

Komödie im Marquart Stuttgart
Inszenierung: Andreas Geier
Ausstattung: Barbara Krott

Hinter den Kulissen menschelt es

Gefragte Bühnenstars waren sie einst, doch der Broadway hat längst aufgehört, nach ihnen zu rufen. Und so klammert sich das angejahrte Schauspieler-Ehepaar George und Charlotte Hay verbissen an die Erinnerung ihres verblassten Ruhms. Mit ihrem kleinen Tournee-Theater quälen sich die beiden durch die leeren Zuschauerreihen der Provinz.
Bis sich eines Tages ein berühmter Hollywood-Regisseur zum Besuch einer Vorstellung ansagt, weil er die Hays für einen Film engagieren will. Die Nachricht ist die Initialzündung für eine Fülle aberwitziger Turbulenzen, in die der amerikanische Erfolgsautor Ken Ludwig ("Othello darf nicht platzen") seine Figuren in der Boulevard-Komödie "Cyrano in Buffalo" stürzt.

Geschickt nutzt Regisseur Andreas Geier Ken Ludwigs Vorlage, Theater im Theater zu zeigen, zur komischen Nabelschau: Mit gekonnt schrillen Tönen lässt er seine Darsteller vorführen, wie es hinter den Kulissen menschelt, wenn Schauspieler ihren Manierismen frönen.

Dass im Leben des überdrehten Personals Schein und Sein auseinander klaffen, beweist der Blick auf die stimmige Bühne: Ausstatterin Barbara Krott entwarf die nüchterne Enge einer Hinterbühne mit Liege, Küchentisch und Schminkspiegel. Undenkbar, dass Theaterstars sich hier auf ihren Auftritt vorbereiten.

Nach textbedingt verhaltenem Beginn steigert Andreas Geier systematisch das Tempo, mit dem er seine Pointen setzt. Und beweist dabei ein feines Händchen für das richtige Timing, wenn er seine Figuren als Folge der üblichen Verwechslungen in bester Boulevard-Manier von einer Katastrophe in die nächste stolpern lässt. Dabei laufen die Schauspieler zur Hochform auf, insbesondere im zweiten Teil der Aufführung, wenn sie als Höhepunkt des komödiantischen Verwechslungsspiels einem imaginären Publikum versehentlich zwei Stücke durcheinander vorführen.

Für ständige Verwirrung sorgt allein schon Johanna Hankes Großmutter Ethel, ein schwerhöriges altes Theaterpferd mit Herz und Schnauze. Ihre Enkelin Pia (Barbara Schmick: sehenswert ihr Auftritt als zickig-einfältige Schauspielerin) reißt es zwischen dem schüchternen FernsehwetterOnkel Howard (Thomas Harke) und dem coolen Schauspieler Paul von Nils Weyland hin und her.

Besonders gefallen an diesem Abend die Darsteller von George und Charlotte: Reinhart von Stolzmann glänzt mit seinem Spagat zwischen schneidigem Möchtegern-Cyrano und dem in Selbstmitleid zerfließenden Ehebrecher, der die naive Jungschauspielerin Eileen (Isabelle Brickum) zur Mutter macht. Und Andrea Hörnke-Trieß überzeugt als sich vor dem Alter fürchtende eifersüchtige Ehefrau und exaltierte Schauspielerin, der es an Mut fehlt, mit dem sie anbetenden Anwalt Richard (Joerg Adae) in ein neues Leben aufzubrechen.

Stuttgarter Nachrichten, Horst Lohr


Fernsehen essen Provinztheater
auf Premiere im Marquardt

Für Karrieristen undenkbar, aber auch für Otto Normalverbraucher ein Albtraum: eine große, vielleicht sogar die größte Chance des Lebens zu bekommen - und sie aus eigener Idiotie nicht wahrnehmen können. Doch niemand musste in der Komödie im Marquardt Tränen über verpasste Möglichkeiten vergießen, es wurden bei der Premiere von "Cyrano in Buffalo" höchstens Tränen gelacht. Denn der Amerikaner Ken Ludwig liefert in seinem Stück alles, was eine Komödie braucht: Monologe für Betrunkene, Verwechslungen, ruppige, aber liebenswerte Haupt- und trottelige, aber liebenswerte Nebenrollen.

Der Regisseur Andreas Geier hat dieses humoristisch solide Stück ebenso inszeniert, das Ergebnis: eine vergnügliche Boulevardkomödie, die temporeich über die Bühne geht, bei der die Pointen sitzen und das Timing stimmt. Dass das Stück derart viel Geschwindigkeit entwickelt, dafür zeichnen vor allem zwei verantwortlich: Andrea Hörnke-Trieß und Reinhart von Stolzmann agieren in den Hauptrollen mit so viel Elan, dass es in manchen Szenen scheint, als wäre ihnen die Bühne zu klein.

Apropos Bühne: Barbara Krott dreht für ¸¸ Cyrano in Buffalo" die Kulissen um 180 Grad und schafft dadurch zweierlei: Zum einen unterstützen die verschiedenen Ebenen und Auf- und Abgangsmöglichkeiten das Geschehen fabelhaft, zum anderen wird, wenn im letzten Akt alles richtig herum, also zum Publikum gedreht ist, auch ein inhaltlicher Schwerpunkt des Stückes herausgestellt - es geht um den Zauber des Theaters.

Stuttgarter Zeitung, Nicole Buck


Rasantes Lachtheater

Stuttgart - Dem Mimen flicht die Nachwelt dann erst recht keine Kränze, wenn er den wahren und eigentlichen Bühnentod noch zu Lebzeiten erdulden muss:
den Sturz von Thalias höchstem Parnass ins Flachland tingelnder Tourneetruppen. Was für das Theater selbst, diese gnadenloseste aller Künste, wiederum eine Steilvorlage ist. Der alternde, einst vom Erfolg verwöhnte, nun restlos entwöhnte Schauspieler: Er mag jenseits der Bühne noch so von der Rolle sein, doch als Rolle auf der Bühne ist er der traurig-glanzvolle Held vieler Backstage-Komödien oder gar Thomas Bernhardscher Tiraden, denen der Lebensfaden herber Tragik eingewoben ist.
Kein Sand im ratternden Getriebe Auf dem Weg von Bernhards manisch-scheiternden Theatermachern zu Ken Ludwigs "Cyrano in Buffalo" wird solcher Stoff zwar fadenscheinig, und was das dünnere Gewirk im Innersten zusammenhält, ist nicht mehr die Tragik, sondern die Mechanik der Farce. Diese aber beherrscht der amerikanische Autor in bestens geölter Feydeau-Manier. Da knirscht kein Sand im ratternden Getriebe rasanten Lachtheaters, und so darf Ken Ludwigs "Cyrano in Buffalo", neu produziert in der Stuttgarter Komödie im Marquardt, als überaus geglückter Unglücksfall gelten. Ja, die Dinge stehen so schlecht, dass man sich um HB-Männchen-Komik und lustigste Pein keine Sorgen machen muss: Charlotte und George Hay, vor langen Jahren umjubeltes Broadway-Paar, gastieren jetzt als abgehalfterte Prinzipale in Buffalo, dem Inbegriff hinterletzter US-Provinz.
Die Theaterkasse ist pleite, Töchterlein Pia-Maria hat in die Werbebranche rübergemacht und sich mit einem bescheuerten TV-Wetterfrosch (Thomas Harke) verlobt, der in Gummistiefeln durch Hochs und Tiefs stapft. Worauf Paul (Nils Weyland), der der Truppe eisern die Treue hält, mit Eifer sucht, was ihm fehlt: seine Ex, nämlich Pia-Maria. Und drei Mal darf man raten, wo Barbara Schmicks proper kostümiertes Marketingmäuschen, das dem unwiderstehlichen Theaterchaos ein für allemal entfleuchen wollte, zuguterletzt wieder landet.Zuvor aber kommt das dicke Ende von Georges Affäre mit der Jungschauspielerin Eileen (Isabelle Brickum) nach. Charlotte fühlt mit der Demütigung die Chance größter Empörung, und die kommt ihr gar nicht ungelegen, liebäugelt sie doch eh mit dem Altkavalier Richard (Jörg Adae). Mitten in dieses Durcheinander platzt ein Zauberwort: Hollywood! Ein Regiestar hat seinen Besuch der Nachmittagsvorstellung angekündigt, er interessiert sich für Charlotte und George. Doch vor den späten Filmruhm haben die Götter den privaten Frust gesetzt. George ist inzwischen stockbesoffen, aber der Lappen muss hoch . . .Andreas Geier hat dieses Chaos mit leichter Hand und trefflichem Gespür für das Timing des beschleunigten Wirrwarrs inszeniert. Wenn das hektische Tohuwabohu ungebremst über Barbara Krotts Bühnenbild-Bühne tobt, wenn dann noch die schwerhörige Theateroma Ethel (Johanna Hanke) missverstehend dazwischenfunkt, wird die Zwerchfellmassage zur erschütternden Message: Man bebt vor Lachen. Ken Ludwig spielt seine Trümpfe gekonnt aus, Geiers Regie folgt dem Autor souverän, und auch das Ensemble kommt alsbald auf Touren. Schon beim ersten Auftritt volle Präsenz zeigen freilich zwei große Routiniers: Reinhart von Stolzmann als Provinz-Cyrano George und Andrea Hörnke-Trieß als seine Gattin Charlotte. Wie Reinhart von Stolzmann im Wechselspiel mit der längst übergroßen Cyrano-Rolle den Feigling und das Stehaufmännchen, den selbstmitleidigen Jammerlappen und den unverzagten Theaterkämpen vorführt, hat großes komödiantisches Format. Und er lässt im Knallchargentum scharfe Charaktermomente ebenso aufblitzen wie Andrea Hörnke-Trieß, deren Charlotte der branchenübliche Narzissmus keineswegs fremd und der Flötenton der Geschmeichelten prompt vertraut ist, sobald ihr einer die Honneurs macht. Ihr - ein besonderes Kunststück - gelingen zudem ernstere Zwischentöne auf jener Skala, die die ewige Leier von der Bitterkeit des Alterns singt.

Esslinger Zeitung, Martin Mezger

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Hans-Frieder Willmann
Der Gefängniswärter

Uraufführung am 02.04.2004

Altes Schauspielhaus Stuttgart
Inszenierung und Bühne: Andreas Geier


Gefängnis-Mauerschau mit Tiefgang
"Der Gefängniswärter" im Alten Schauspielhaus Stuttgart


Unglaublich: Fast zwei Jahrzehnte lang war Hans-Frieder Willmanns "Der Gefängniswärter" in den Intendantenschubladen eingesperrt, bis er nun endlich freigelassen wurde. Im Theater unterm Dach, der kleinen Intimbühne des Alten Schauspielhauses, durfte das Ein-Personen-Stück vergangenen Freitag zum ersten Mal Bühnenluft schnuppern. Und die tat dem Zweiakter verdammt gut: Kein Wunder, haben doch mit Regisseur Andreas Geier ("Anything Goes", "Ausgerechnet Hamlet") und Schauspieler Michael Holz ("Emilia Galotti", "Tatort") zwei sehr potente Theaterkünstler den Text in Szene gesetzt. 
 
 Kein primitiver Hohlkopf Einen Text, der auf den ersten zwölf Seiten zunächst enttäuscht, vermutet man doch hinter dem Vollzugsbeamten Oskar Huber erst mal eine eher eindimensionale Type. Aber dann: Von wegen engstirniger Beamter! Von wegen Schwarz-Weiß-Malen zwischen Gitterstäben! Hans-Frieder Willmann, früherer Stuttgarter-Wochenblatt-Verleger und Spiegel-Autor, der, abgesehen von der alljährlichen Karfreitags-Aufführung seines "Judas Ischariot" bislang kaum zu Bühnenehren gelangte, dieser Hans-Frieder Willmann hat seinen Gefängniswärter ziemlich tief angelegt. Klischees zückt er nur, damit wir darauf hereinfallen. Im ersten Akt ist es Holz" Gefängniswärter, der unsere Menschenkenntnis temporär täuscht. Im zweiten Akt ist es die Geschichte selbst, die diesen Huber unverschuldet zwischen Gitterstäbe sowie zum falschen Geständnis und uns zum Umdenken zwingt. Genauso wie zum Mitschwitzen und Mit-Leiden, sind wir doch alle eingeschlossen im engen obersten Stockwerk des Alten Schauspielhauses. Zur Pause heißt es im Befehlston: "Hofgang: sieben Minuten". "Ich bin nicht dieser primitive Hohlkopf, für den mich alle halten", sagt Huber einmal und Michael Holz gibt ihm genau diesen Rahmen. Kein Stammtisch-Charakter (auch wenn er entsprechende Parolen im Repertoire hat), kein Faschist und nicht mal ein unbewusster Mitläufer. Oskar Huber ist sich bewusst, was er macht, weiß, wer er ist. Er analysiert und versteht: Darum redet er ja gerade. Und Michael Holz leiht ihm dazu seine unglaublich breite Stimmvarianz, imitiert das zittrige Stottern des alten Direktors ("A-a-a-anstalt") wie den psychologisch durchdrungenen Säuselton von Frau Dr. Winzinger-Ellenbrecht und findet einen stufenlosen Übergang zwischen Lachen und Geheul. Außerdem verleiht der fahrig Handrücken-reibende Akteur seinem Gefängniswärter eher das Alternativ-Schnoddrige eines Josef Matula denn die Akkuratheit eines Beamten. Doch ein klasse Schauspieler rettet noch kein Monodrama, wenn der Text nichts taugt. Die Krux am Monodramen-Schreiben ist die Handlung, hat doch ein Mensch allein wenig Möglichkeiten, einen Konflikt zu entwickeln. Saufen, Sülzen, Selbstmord - so lassen sich die gängigen Varianten der Gattung zusammenfassen. Willmann löst das Handlungsproblem durch zwei patente Tricks: Ein Telefon im Zellentrakt (wenngleich nicht so inflationär eingesetzt wie in Cocteaus "Stimme") ermöglicht einen Blick nach draußen, eben dorthin, wo die Aktion sitzt: eine Art Gefängnis-Mauerschau. Der zweite Kniff heißt: zwei Akte statt einem (wie sonst bei Ein-Personen-Stücken üblich). Durch diese Unterbrechung hat Oskar Huber im zweiten Teil etwas zu erzählen. Ein neues Stück - ebenfalls ein Monodrama und "Die Sekretärin" benannt - ist derzeit am Entstehen, wie Willmann bei der Uraufführung des Gefängniswärters verraten hat. Wollen wir hoffen, dass es keine zwanzig Jahre braucht, bis jemand die einsame Tippse aus ihrem Dornröschenschlaf befreit.

Patricia Fleischmann
Artikel vom 06.04.2004

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Paul Rudnick
Ausgerechnet Hamlet

Komödie im Marquart, Stuttgart

Premiere am 21.03.2003

Schön hysterisch, Gelungener Abend im Marquart
mit "Ausgerechnet Hamlet"

Was ist besser, Fernsehen oder Theater? Nun, die Antwort ist ganz leicht: Theater natürlich. Jedenfalls dann, wenn es so charmant und witzig daherkommt wie "Ausgerechnet Hamlet", die jüngste Premiere in der Komödie im Marquardt. Wie? Was? Das sei aber dumm, den Schluss der Kritik gleich an ihren Anfang zu stellen, weil dann ja doch keiner weiterlese? Nun, keine Sorge. Das Allerwichtigste, dasjenige, was in diesem Fall wirklich alle brennend interessiert, hebt sich der Rezensent natürlich auf bis ganz zum Schluss. Also hübsch bei der Stange geblieben.

An diesem gut zweistündigen Abend passt eigentlich alles zusammen; lauter Pluspunkte. Das fängt an mit dem Stück (Pluspunkt Nummer eins), einer richtig runden Broadway-Komödie von Paul Rudnick, die sehr schön deutlich macht, warum so eine Broadway-Komödie fast immer interessanter und pfiffiger ist als ein noch so vornehmer deutscher Boulevardstoff. Die Beziehungen zwischen den Figuren sind einfach komplexer (eins a), die Konflikte interessanter (eins b), und all die vielen Probleme und Fragen lösen sich zum Schluss nicht einfach in Wohlgefallen auf, sondern es bleibt ein feiner Nachgeschmack (eins c).

So auch hier in "Ausgerechnet Hamlet", der Geschichte eines mittelberühmten TV-Vorabendserienstars, den seine Agentin auf die große Theaterbühne schubsen will, und zwar eben ausgerechnet als Hamlet. Am liebsten würde Andrew gleich wieder einen Rückzieher machen. Da aber erscheint ihm John Barrymore, der legendäre Shakespeare-Mime, eigentlich längst verblichen, doch nun schnurstracks zurückgekehrt aus der Geisterwelt mit dem Kampfauftrag, aus dem Serien-Schnösel einen anständigen Theater-Hamlet zu machen. Eine Handlung, die nicht nur Stoff bietet für vielerlei Wortgefechte und Verwicklungen, sondern dem Theater auch trefflich Anlass bietet, sich im Theater über das Theater gehörig lustig zu machen. Jedenfalls dann, wenn wie hier in der Komödie im Marquardt (Pluspunkt Nummer zwei) der Regisseur Andreas Geier die Inszenierung exakt in Tempo und Balance hält und (Pluspunkt Nummer drei) der Ausstatter Martin Warth eine so interessant verschrobene Bühne mit Schädelreihe auf holzvertäfeltem Kaminsims und Umstürzcouch mit schwarzem Kringelmuster gestaltet. Pluspunkte Nummer vier bis sieben: die Nebenrollen, die der Lehrer-Schüler-Konstellation ständig neue skurrile Impulse verleihen - Andrews Angebetete, Andrews Managerin, Andrews Maklerin und Andrews bester Freund, hier in Stuttgart schön hysterisch dargestellt von der opheliösen Sarah Jeanne Babits, der erotisch-verrauchten Johanna Hanke, der lasziven Stefanie Stroebele und von Nils Weyland, letzterer einfach nur fernsehbekloppt. Womit wir bei Pluspunkt Nummer acht angelangt sind, nämlich dem Geist der guten alten Schule, dem großen Spieler und Taschentrickser: Reinhard von Stolzmann, gespenstisch gut in eng anliegender, schwarz-elisabethanischer Strumpfhose, vielleicht auch mit darin einschlägig positionierter Hasenpfote. Letzteres weiß man aber nicht so genau; das Stück lässt es offen (siehe oben, Pluspunkt Nummer eins c). Ja, und diese acht Pluspunkte zusammen machen einen richtig schönen Theaterabend aus, dessen Besuch wir nur wärmstens empfehlen können. Womit wir dann auch diesen Artikel verbindlichst beschließen wollen. - Wie? Was? Da fehlt doch noch was? Ja, nur Ruhe, stimmt schon. Es fehlt noch ein Punkt, der neunte. Der, von dem wahrscheinlich viele längst wissen wollen, wie er denn nun war: Oliver Petszokat, einst der Ricky Marquart aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", heute also auf der Stuttgarter Komödienbühne. Und wir stellen es gern fest: Petszokat ist Pluspunkt Nummer neun des Abends. Er verhilft der Figur des Andrew zu sehr sympathischem Format, gestaltet dabei einige wunderbar komische Szenen, treibt es aber nie zu bunt. Schon so mancher Fernsehstar ist auf der Theaterbühne an seiner Selbstverliebtheit gescheitert. Oliver Petszokat aber präsentiert an diesem Abend das wünschenswerte Maß an Selbstironie. Respekt. Pluspunkt Nummer zehn: In Paul Rudnicks Komödie "Ausgerechnet Hamlet" gewinnt zum Schluss das Theater. Und so ist es an diesem Abend auch im richtigen Leben.

Von Tim Schleider
Stuttgarter Zeitung

Komödie im Marquardt:
Oli P. und sein Debüt "Ausgerechnet Hamlet" auf der Bühne:
Soap oder Nicht-Soap


Vorhänge, Tapeten, Möbelbezüge sind auf der Bühne der Komödie im Marquardt übersät mit Löwen-, Tiger- und Leopardenfell-Mustern: Symbol der raubtierhaften Gier nach dem weiblichen Geschlecht und Markenzeichen des ursprünglichen Besitzers dieser Wohnung: John Barrymore. Er, den Amerikas Traumfabrik Realiter vom begnadeten Shakespeare-Schauspieler auf der Bühne zum Stummfilmstar der zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte, soll in diesem Hort der Geschmacklosigkeit zu seinen Lebzeiten die Frauen reihenweise vernascht haben.

Jetzt hat sich der Fernsehserienheld Andrew Rally in dieses von Martin Warth bewundernswert kitschig eingerichtete Liebesnest eingemietet, um sich vom Genius des Mimen inspirieren zu lassen. Der junge Mann soll im New Yorker Central Park den Hamlet spielen, ist aber von der Kunst des Schauspielerns unbeleckt. Kaum ist Andrew eingezogen, erscheint ihm der tote Barrymore, wild entschlossen, den Neuling auf seinen großen Auftritt vorzubereiten. So will es die Komödie "Ausgerechnet Hamlet" von Paul Rudnick. Frivol und voll funkelndem Wortwitz kommt sie daher - und enthält mit dem Part des Andrew eine Paraderolle für Oliver Petszokat alias Oli P. Den ehemaligen Star der TV-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", Sänger und Teenie-Schwarm für sein Bühnendebüt in der Komödie im Marquardt zu gewinnen, war ein geschickter Schachzug des neuen Intendanten Carl Philip von Maldeghem. Der Lohn: Man sah unter den Zuschauern auch viele junge Gesichter. Sie dürften den Besuch der spritzigen Aufführung nicht bereut haben. Geschickt und temporeich spielt Regisseur Andreas Geier mit den komischen Vorlagen des Textes. Besonders witzig sind die Szenen, in denen es zu Missverständnissen kommt, weil sich der tote Hollywood-Mime nicht allen zu erkennen gibt.

Oliver Petszokat bewältigt seine Riesenrolle für einen Bühnenanfänger erstaunlich souverän. Der 24-Jährige beweist Talent, auch wenn ihm noch differenziertere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen, etwa, wenn es gilt, im Stil Hamlets die Zerrissenheit eines jungen Mannes zu zeigen, der sich zwischen lukrativer Fernsehkarriere und der Existenz eines Theaterschauspielers im Schatten der Popularität entscheiden muss. An diesem Freitagabend allerdings läuft ihm einer darstellerisch noch den Rang ab: Reinhart von Stolzmann als John Barrymore überzeugt mit dem tragikomischen Porträt eines Künstlers zwischen Hybris und alkoholgetränktem Versagen. Gefallen kann auch Nils Weyland als Andrews megacool banausenhafter Manager. Daneben zeigt Johanna Hanke in der Rolle der Lillian Troy, eine aus der Armada von Barrymores Ex-Geliebten, das in die Jahre gekommene Vollblutweib. Sarah Jeanne Babits spielt Andrews verhuschte Freundin Deirdre und Stefanie Stroebele die sexgeile Immobilienmaklerin Felicia Dantine.

Horst Lohr
Stuttgarter Nachrichten

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Dario Fo:
Offene Zweierbeziehung

Theater der Altstadt im Westen, Stuttagrt

Premiere am 30.12.2002

Antonia (Susanne Heydenreich) und ihr Mann Giovanni (Reinhold Weiser) führen eine "typische Ehe unter aufgeschlossenen Menschen": Während sie ihm treu ist, geht er ständig fremd. Als er sie dann noch mit seiner Mutter vergleicht, reicht es Antonia. Sie droht mit Selbstmord, sucht sich dann aber lieber eine eigene Wohnung und Arbeit. Als sie schließlich jemanden kennen gelernt hat, beginnt die Krise für Ihren Mann, der jetzt die Vereinbarung eine "offene Zweierbeziehung" zu führen vergisst und hysterisch wird. Das zivilisierte Verhalten, das er von seiner Frau erwartet hatte, beherrscht er selbst nicht. Es kommt zum "Showdown

Der wortgewaltige Kampf der Geschlechter, temporeich und witzig präsentiert, bringt dem Publikum vertraute Paar- und Verhaltensweisen nahe. Die kleinen, aber bedeutsamen Unterschiede zwischen Mann und Frau werden temperamentvoll verpackt - dem amüsierten Zuschauer direkt und unmittelbar offeriert. Die kontroversen Wortgefechte machen nicht nur dem Zuhörer, sondern auch so hat man den Eindruck - den Schauspielern Spaß.

Ein äußerst gelungener, zugleich symbolträchtiger Rahmen bildet das Bühnenbild: es stellt eine halbrunde Zirkusmanege dar, deren Zugang ein Raubtierkäfig bildet, durch den die Schauspieler die Bühne betreten.

Die Darsteller, zwischen Halbrund und Zirkuslichtern, sind teilweise Raubtier und Dompteur zugleich. Die Komödie bringt uns das "neue, alte Thema" der Zweierbeziehung lachenden Auges näher.

as/cr
culturegate.de


Premiere im Theater der Altstadt: Andreas Geier inszenierte "Offene Zweierbeziehung"

Der Macho vor der Spiegeltür

Ein Metallkäfig wie eine überdimensionierte Mausefalle, zwei Reihen Bildschirmwände, eine Spiegeltür. In diesem Lebensraum zwei Menschen, die sich gegenseitig quälen, erniedrigen, lächerlich machen.

Eine Frau und ein Mann spielen im Theater der Altstadt einem auf Unterhaltung eingestellten Publikum vor, was treu nach Franea Rame und Dario Fo eine "Offene Zweierbeziehung" hergibt.

Der Publikumsrenner im Spielplan diverser Bühnen und nun also auch in der Regie von Andreas Geier taugt tatsächlich zur intellektuell verpackten Gaudi, solange die Akteure nicht im eigenen Familien- oder Freundeskreis agieren. So haben auch die zieht und den Hausfrauenlook mit dem Leoitalienischen Autoren bei dieser 1983 in Mai- parden-Outfit tauscht, dreht Giovanni land uraufgeführten Farce auf das kommen- hohl. Die Rollen werden getauscht, das patierende Umfeld verzichtet und die Protago- triarchalische Rollenverständnis gerät ins nisten sich selbst überlassen.

Und natürlich spielt das Sujet mit Klischees: Weil ihm die Ehe zu langweilig wird, geht Giovanni fremd, während Antonia, mit ihrem Gatten offenbar nicht völlig unzufrieden, die Treue bevorzugt, sein Fremdgehen aber mit wiederkehrenden Suizidversuchen kontert.

Susanne Heydenreich und Reinhold Weiser sind ein Traumpaar im Wechselspiel der Macho- und Gretchen-Emotionen mit wunderbar komödiantischer Übertreibung, die assoziative Inszenierung ein Vergnügen nicht ohne Nachdenklichkeit. Denn als Antonia endlich zum Rachefeldzug antritt, aus Wanken. Der Macho vor der Spiegeltür winselt, bettelt, droht mit Suizid, die Frau trumpft auf.

Das Theater hält uns einen Spiegel vor. Und, fast ist es folgerichtig, auch in den Zuschauerreihen wechseln die Solidaritätsbekundungen: Mal lachen die Frauen lauter, mal amüsieren sich die Männer. Das Theater hält uns einen Spiegel vor, in deM, Antonia, Giovanni und wir alle agieren Mann/Frau könnte vielleicht daraus lernen -für das Leben.

Von Brigite Jähnigen
Stuttgarter Nachrichten, 2.01.2003



Vor der Dressur ist nach der Dressur
Endspiel einer bürgerlichen Emanzipation: "Offene Zweierbeziehung"
im Theater der Altstadt im Westen

Das Halbrund der Bühne erinnert an - eine Zirkusmanege. Durch den stilisierten Gittereingang treten sie auf, führen sich vor, probieren die gegenseitige Dressur, machen sich davon: Antonia und Giovanni sind das im Ehekäfig gefangene Paar, das den gemeinsamen Ausbruch als angriffslustiges Experiment betreibt. Die "sperrangelweit offene Zweierbeziehung" (so der vollständige Titel von "Coppia aperta, quasi spalancata") treibt beide ins Nichts.

Des Mannes täglich Brot

Franca Rames und Dario Fos 1983 entstandene farcige Komödie ist quasi das Endspiel einer aus der -68er-Revolte entwickelten Emanzipation bürgerlicher Verhältnisse, in der die traditionelle Rollenverteilung in der Ehe als Institution radikal in Frage gestellt wird. Nach "Nur Kinder, Küche, Kirche" (1977) nimmt das Schauspieler- und Autorenehepaar nun die Doppelmoral scheinbar tolerant

Antonia dagegen gebührt seine Achtung, sie ist seine Zuflucht, wie früher seine Mamma. Das treibt sie zum Wahnsinn und jeden Monat dreimal zu Selbstmordanfällen und in die Revanche-Strategie. Doch je mehr sich die munter betrogene Ehefrau aus ihrer Abhängigkeit befreit und' eigene Wege zum Außenpartner entdeckt, um so hysterischer reagiert der Mann. Seine theoretisch fundierte Großzügigkeit und Contenance besteht die eigene Probe aufs Exempel mitnichten. Am Schluss ist Giovanni derjenige, welcher sich mittels Pillencocktail oder Pistole aus der unerträglichen Leichtigkeit des Zweiseins davonmachen will. Oder haben die beiden ihre Partnerlektion gelernt?

Kunstvolle Dialektik

So locker und kabarettistisch pointiert Rame/Fos "Offene Zweierbeziehung" das Publikum unterhält, so dialektisch synchron sind die Auftritte der beiden Protagonisten angelegt. Das kunstvoll mit Rückblenden verknüpfte dialogische Ping-Pong-Spiel hat Regisseur Andreas Geier gut im Griff. Was dazu zwischendurch auf den in die Manegenrampen (Bühne- Ursula Wandaress) eingebauten Fernseh-Monitoren an Disco-Flimmer und ähnlichem erscheint, ist für die Phantasie des Zuschauers eigentlich überflüssig. Reinhold Weiser spielt das intellektuelle Machogehabe seiner Rolle lässig unterkühlt und mai kiert so den größtmöglichen Gege isatz zu Susanne Heydenreichs wil,1 fauchender Antonia. Die Altstad t theaterIntendantin schöpft ihr komisches Talent in vollen Zügen aus Lind lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, wer in dieser Beziehung die sprichwörtlichen Hosen anhat. Am Ende trägt sie solche auch, geschlitzt und mondän, mit einem Raubtie~äckchen darüber, das gut zur blonden Mähne passt. Wenn Giovanni nun reumütig oder eines Besseren belehrt in den goldenen Käfig zurückkehren wollte, bekäme er zwar keine-Mamma - abep dafür vielleicht eine Dompteuse als Lebenspartnerin, nach deren,Peitsche sich aufregend tanzen ließe.

Von Dietholf Zerweck
Esslinger Zeitung, 3.01.2003

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Georg Anton Benda:
Medea

Nationaltheater Mannheim

Am 20.07.2002

Innere und äußere Stürme um Medea

Die zweite Orchesterakademie zur "Mannheimer Schule" im Nationaltheater

Gewittert hat es heftig im Orchesterkonzert der 2. Internationalen Akademie des Nationaltheaters zur "Mannheimer Schule". Die Wellen schlugen hoch im Opernhaus. Und das nicht nur akustisch. Bei der Videoinstallation zu Georg Bendas Melodram für eine Sprecherin und Orchester "Medea" gab es ein Wellen aufpeitschendes Unwetter auch zu sehen. Und das war freilich ein Erlebnis der seltenen und ganz besonderen Art. Zumal sich Georg Benda diese stürmische Musik erdacht hat, um Medeas grauenhaften Mord an ihren eigenen Kindern darzustellen: Hohe Kunst der Metaphorik und Psychologie im achtzehnten Jahrhundert. Modern, ja revolutionär mutet dieser subtile Kunstgriff zu Friedrich WilhelmGotters antikisierendem gesprochenem Text an - auch hier kein konkretes Wort zu den grausigen Vorgängen, nur rasende Beschwörung der Rachegötter. Die ungewöhnliche, szenisch-mediale Realisierung des Bendaschen "Medea"-Projekts durch Andreas Geier und Oliver Hunger war wohl auch der zwingendste Grund, das Orchesterkonzert unter seinem charismatischen Dirigenten Michael Hofstetter nicht wie im letzten Jahr im stimmungsvollen Ambiente des Rittersaals im Mannheimer Schloss anzusetzen, sondern die jungen Musiker auf die graue "Ring"-Vorbühne des Opernhauses und dessen hochgefahrenen Graben zu platzieren. Zurecht. Denn was mit Bendas Melodram geboten wurde, war Theater pur. Bilder mit altgriechischen Motiven, Tempel und Landschaften, Filmschnipsel mit Jason und seiner neuen Frau Kreusa, Kinderszenen, Feuer und Wasser sowie immer wieder die Schauspielerin Franziska Arndt in Großaufnahme, ganz nah in jeder Regung ihrer Gesichtszüge. Dies alles untermalte, ergänzte und intensivierte den musikalisch-theatralischen Eindruck von Bendas tonmalerischer, expressiver Musik. Ein Embryo im Mutterleib und auf dem Wege zur Geburt: ob es nicht manchmal ein bisschen zu viel des Guten war? Aber den Eindruck dieses in seinen Affekten aufwühlende Gesamtkunstwerke mochte es nicht zu schmälern. Zumal Franziska Arndt den natürlichen Ton fand, sich niemals zu plattem Pathos oder oberflächlicher Effekthascherei verführen ließ. Kompliment! Das übrigens genauso Michael Hofstetter und seinen Musikern gilt, die schon bei Holzbauers mit jeweils zwei Naturhörnern, Oboen, Fagotten plus Streichersatz besetzter Sinfonie einen federnd-durchsichtigen, gleichwohl aber energischen Zugriff fanden. Das Publikum im Opernhaus, das noch zahlreicher hätte erscheinen können, spendete begeistert Applaus.

Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaulich

Mannheimer Morgen, 22.07.2002


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Geier / Bücker / Kofler:
Neu(e)rosen

Kein Chansonabend mit Birgit Bücker

Badisches Staatstheater Karlsruhe, Insel

Premiere am 29.05.2000

Inszenierung und Bühne: Andreas Geier

Andreas Geier, Birgit Bücker, Uli Kofler (v.l.) / Photo: Jochen Klenk

"Es beginnt mit Gurgeln hinter der Bühne. Auch sonst ist alles dazu angetan, nicht den Eindruck eines Chansonabends zu erwecken. Kein laszives Ambiente, keine eleganten Rosen, kein rasanter Kostümwechsel ... Birgit Bücker, Uli Kofler und Andreas Geier haben sich einen Abend zurechtgelegt, der auf der Erfolgswelle der Chansonabende für nicht singende Schauspieler liegt und trafen damit genau ins Schwarze. Die beiden Folgetermine wird man sich nach dem heftig akklamierten Premierenabend rechtzeitig vormerken müssen.

Birgit Bücker hatte selten so eine gute Rolle. Wenn sie bei "Big Spender" über die Bühne trampelt und sich dem Kleiderständer in die Arme wirft oder rät: "Kauf dir einen bunten Luftballon" läuft sie zu einer Form auf, die die 90 Minuten kaum zu lang erscheinen lassen. Andreas Geier hat das alles wunderbar mit ihr entwickelt, und wie er sie bei "Zucker im Kaffee" spielen lässt, dafür hat er eine rote Rose verdient. Die soll es am Ende für das aufgeblühte Mädchen doch noch regnen. Großer Applaus für alle Beteiligten."

Badische Neuste Nachrichten, 20./21.05.00

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Willy Russel:
Shirley Valentine

Badisches Staatstheater Karlsruhe

Premiere am 10.10.1998

Bühne: Christian Baumgärtel, Kostüme: Andrea Fisseler

(mit Gastspielen und Wiederaufnahmen am Theater Aachen und Stadttheater Pforzheim)

"Sie (Petra Welteroth) beherrscht in diesem immerhin eineinhalb Stunden langen Stück alle Register mit einer Meisterschaft, die sie sonst leider wohl nur selten so richtig zeigen kann. Unter der Regie von Andreas Geier fesselt sie in einer gelungenen Mischung aus Nachdenklichkeit, Emanzipationsgeschichte und kabarettistischem Biß. Dieses Stück, reich an Alltagserfahrungen und entlarvenden Beobachtungen, vor allem aber diese Schauspielerin lohnt einen Besuch."

Badische Neuste Nachrichten, 12.10.1998


"So konstruiert die wandelbare Darstellerin nicht nur eine berührende Shirley mit faszinierenden Facetten und Nuancen, sondern ein kleines Figuren Kaleidoskop, dem sie zudem viel eigenes verleiht. ... Neben dieser atemberaubenden Schauspielerin muss alles andere verblassen. Aber die Inszenierung von Andreas Geier in der funktionalen Einrichtung von Christian Baumgärtel umschifft die Kitsch-Klippen des Stücks mit sicherer Ironie: Schlagerschmalz und Busuki-Klänge präsentieren den Sehnsuchtsort Griechenland als deutliches Klischee. Und wenn's ganz arg wird greift Shirley zum Groschenheftchen und liest vor: Ist die Ferienromanze mit dem feurigen Griechen also nur Funktion?"

Aachener Zeitung, 06.02.2001

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